Hellmuth Opitz
Hellmuth Opitz - Neues von der Schreibtischkante

Neues von der Schreibtischkante

Empfehlungen

Zum neuen Jahr möchte ich meinen Lesern einen alten Helden ans Herz legen. Er heißt Schmidt. Nein, nicht Helmut, sondern Albert. Es ist ein Wiedersehen mit einer alten Romanfigur von Louis Begley: „Schmidt’s Einsicht“ heißt der neue Roman (Suhrkamp, 414 S., 22,90 €), sein dritter Roman über den etwas zwiespältigen New Yorker Anwalt, der seit Jahren im Ruhestand lebt. Was diese Romanfigur so glaubwürdig macht: Sie ist kein Sympathieträger. Mit seinen Besserverdiener-Attitüden, seiner Berechnung in Liebesdingen, seinem latenten Antisemitismus ist Albert Schmidt ein klassischer Vertreter jener Klasse, die materiell immer auf der Sonnenseite stehen, aber sich (und anderen) dennoch das Leben zur Hölle machen können. Nach dem Tod seiner Frau und seiner überhitzten Affäre mit einer puertorikanischen Imbissbedienung hat er sich nun die elegante, deutlich jüngere Witwe eines früh verstorbenen Kollegen verliebt und plant schon seinen neuen Lebensentwurf. Außerdem will er das zerrüttete Verhältnis zu seiner schwangeren Tochter und deren Ehemann reparieren. Aber er hat die Rechnung ohne das Schicksal gemacht und zahlt einen sehr hohen Preis. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten. Nur soviel: Wie ein souveräner Erzähler wie Begley ganz en passant die aktuelle Zeitgeschichte Mitte der 90er Jahre in die Romanhandlung mit einfließen lässt (etwa das Attentat in Oklahoma), das offenbart eine reife literarische Meisterleistung.!