Hellmuth Opitz
Hellmuth Opitz - Neues von der Schreibtischkante

Neues von der Schreibtischkante


Empfehlungen


Jedem, der ein Herz hat für Gitarrenrock mit Singer-/Songwriter-Ambition, kann ich „Prisoner“, das neue Album von Ryan Adams, empfehlen. Klassische Rocksongs, melodiös und kraftvoll und auch, wenn Songs wie „Haunted House“ und „Shiver And Shake“ so klingen wie Springsteen-Outtakes: Adams verfügt über genug Standing, um eigenes Profil zu behaupten. Meine Favoriten sind die Songs, wo sich eine melancholische akustische Gitarre einmischt, Tracks wie „Anything I Say To You Now“ oder „Breakdown“, die man zurzeit Bob Dylan wünschen würde, der sich mehr und mehr als Jukebox des Great American Songbook missversteht.
Ryan Adams: Prisoner

Erzählungen sind ein literarisches Genre, das ich überaus schätze. Für mich sind es keineswegs Fingerübungen für Leute, denen es am langen Atem für einen Roman fehlt. Eine Neuentdeckung ist hier für mich Doris Anselm, die Gewinnerin des Open Mike-Wettbewerbs 2014. In ihrem frisch erschienenen Band „Und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus“ (großartiger Titel!) erzählt sie Geschichten von Paaren, Kindern, Vereinzelten, von Karrieremenschen und Losern. Man wird durch die zugängliche Sprache von Doris Anselm in die kurzen Geschichten hineingelockt, aber die vermeintlich leichte Lektüre täuscht. Die wahren Abgründe und Ungeheuerlichkeiten versteckt Doris Anselm ganz subtil in Nebensätzen. Sehr empfehlenswert!
Doris Anselm: Und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus
(Luchterhand)

Auch wenn viele mittlerweile glauben, die Novellen des feinen Erzählers Hartmut Lange hätten etwas Patina angesetzt, kann ich eine solche Kritik nicht ganz nachvollziehen. Seit Jahrzehnten veröffentlicht Hartmut Lange einen Novellenband nach dem anderen und einen Qualitätsverlust kann ich nicht wirklich feststellen. Einen seiner prägendsten Bände hat Diogenes jetzt neu aufgelegt: „Die Waldsteinsonate“ enthält fünf Novellen, darunter die titelgebende, die eine fiktive Situation imaginiert, in der Franz Liszt im April 1945 in den Führerbunker nach Berlin gerufen wird, um Magda Goebbels klassischen Trost bei der schrecklichen Aufgabe zu verleihen, ihre sechs Kinder durch Vergiftung „vor der Nachwelt“ zu bewahren. Lesenswert!
Hartmut Lange: Die Waldsteinsonate
(Diogenes)