Ein Gedicht von mir als Abistoff 2026

Autor Hellmuth Opitz aus Bielefeld
Autor Hellmuth Opitz aus Bielefeld

Bereits zum zweiten Mal (nach Thüringen im Jahr 2018) wurde ein Gedicht von mir als Abistoff ausgewählt, dieses Mal im Bundesland Bayern. Es handelt sich dabei um das Gedicht  „Wie kam die erste Nachtigall darauf“, das sich in meinem Gedichtband „Flauschnacht Rauschnacht“ findet. Es stammt aus einem Zyklus mit dem Titel „Die Industrialisierung der Singvögel“, der die Einflüsse der Zivilisation auf das Verhalten von Singvögeln poetisch beleuchtet. In der Folge erreichten mich sehr viele Anfragen von Schülern, Eltern und Lehrerschaft, die formal und inhaltlich Näheres zum Gedicht und seinen Bedeutungsfacetten wissen wollten. Ohne eine schlüsselfertige Interpretation zu liefern, habe ich alle Anfragen gewissenhaft beantwortet. Ein großes Vergnügen!

Nur eine Frage ist mir geblieben: Warum wird man im Vorfeld vom Kultusministerium nicht informiert, dass eines meiner Gedichte für eine Aufgabe im Deutsch-Abitur vorgesehen ist? Geheimhaltungsgründe? Ich weiß es nicht.
Das betreffende Gedicht findet sie hier unten auf der Seite: Gedicht des Monats.

Gedicht des Monats


Wann kam die erste Nachtigall darauf,
ihr Lied um ein paar Dezibel aufzudrehn?

War es, als sie merkte, dass man hier,
im Finsterland des Münsterlands,
Lärmschutzwälle baute, um den Lärm  
zu schützen vor ihr, ihrem Gesang?

Was brachte den ersten Buchfink dazu,
seinen Erstschlag eine halbe Stunde eher auszuführn?

Weil er unbedingt sein Solo haben wollte
im Morgendämmern? Weil die Gischtflocken
der Verkehrsgeräusche immer früher
herüberwehten in den Treptower Park?

Welchem Impuls folgte die erste Kohlmeise,
ihren Balzgesang um eine Oktave hochzufahrn?

Weil ihre akustischen Studien ergaben, dass
eine höhere Tonfrequenz das Dickicht des
Krachs am Kamener Kreuz eher durchdringt
um am Ende doch erhört zu werden?

Wann wurde das erste Rotkehlchen zum
Nachtschwärmer? Wie lernten die Amseln Dialekte?

Fragen über Fragen. Und Forscher, die sich
aufplustern, schmettern, zwitschern, tirilieren
von Lichtverirrung, Lärmverseuchung. Wo doch
alles in einem einzigen Lehrsatz gesagt wäre:

Schreien muss man in dieser Welt. Schreien.
Oder wenigstens hässlich dazwischen rätschen.
Wie dieser Eichelhäher da.