Hellmuth Opitz
Hellmuth Opitz

Ins Ungewisse

Neujahrsmorgen
und als wolle niemand
die frisch angebrochene Zeit
mit seiner Anwesenheit behelligen,
so leer gefegt die Straßen, so grau
gefugt die Kacheln des Himmels.

Jeder Blick nach draußen
gleitet daran ab oder bleibt
hängen an den Stromleitungen
wie diese Handvoll Krähen,
hingeworfene Noten auf Linien,
Präludium des Ungewissen.

Gegen Nachmittag setzt Schneefall ein
und noch immer niemand draußen,
nur die Wünsche von gestern,
hochgeschossen Punkt Mitternacht,
haltlos schwirren sie herum
in der verschorften Schneeluft.

Noch immer unbetreten die Wege,
noch immer betretenes Schweigen,
niemand, der das neue Jahr auffordert
zwischen all den tanzenden Flocken
nur gute Vorsätze, die keinen Eindruck
hinterlassen. Nicht den geringsten.

(Aus dem Gedichtband „Die Dunkelheit knistert wie Kandis“, Pendragon, 2011)