Hellmuth Opitz
Hellmuth Opitz - Neues von der Schreibtischkante

Neues von der Schreibtischkante

Lyrische Inspiration vs. Arbeitsdisziplin

Mehr als 4 Wochen Schreibaufenthalt im Brecht-Haus in Svendborg/Dänemark – was für namhaftere Autoren lediglich ein kleines willkommenes Intermezzo im täglichen Schreiben bedeutet, ist für mich ein Ozean an Zeit. Noch nie habe ich mich am Stück solange auf das eigene Schreiben konzentrieren können. Der Alltag mit dem Brotberuf eröffnet mir erst abends ein schmales Zeitfenster – wie es so schön heißt – und auch im Urlaub ist die ausschließliche Konzentration auf literarische Arbeit nicht gewährleistet. Die Frage lautet also: Wie werde ich mir meine Zeit einteilen?

Es gibt Autoren, ich muss an dieser Stelle gar nicht erst Thomas Mann bemühen, die setzen sich morgens hin und arbeiten konzentriert vier bis fünf Stunden am Stück und dann nachmittags noch einmal das gleiche Pensum. Bewundernswert. Mein Verdacht, dass es sich dabei meistens um Romanautoren handelt, findet sich dabei nicht einmal immer bestätigt. Es gibt auch Lyriker mit derartiger Arbeitsdisziplin. Für meine Art, Gedichte zu schreiben, ist diese Arbeitsweise indes eher ungeeignet. Ich muss mich zumeist erst einmal „leer machen,“ d.h. meine Zeit mit allerlei alltäglichen nützlichen und nutzlosen Beschäftigungen füllen. Nach einiger Zeit stellt sich eine gewisse Aufnahmebereitschaft ein. Das heißt natürlich noch nicht, dass dann auf Anhieb ein gutes Gedicht entsteht. Der lyrischen Inspiration muss ich mich mit der Chuzpe eines Einbrechers nähern. Das heißt, ich muss bereit sein, mich durch allerhand Geröll zu bohren, bevor ich zum Tresorraum der Sprache gelange. Und dann heißt es, die richtige Kombination zu haben.

An manchen Tagen spüre ich sofort, dass heute etwas geht: Ein gewisser Reiz in der Luft, ein Flirren von Herz & Hirn – woran genau es liegt, kann ich Gottlob gar nicht sagen. Manchmal helfen auch gewisse Stimulanzien, mich in einen solchen Zustand zu versetzen. Mein geliebter nächtlicher Kaffee gehört dazu, manchmal ist es auch die Lektüre anderer Lyriker, die mich in Schreibstimmung versetzt. An anderen Tagen geht gar nichts. Dann muss ich die mir so verhassten „Steinbeißer-Arbeiten“ verrichten: Korrigieren, Streichen, Verbessern.

Für Svendborg bin ich vorbereitet: Für die guten Tage nehme ich einen recht hoffnungsvollen Gedichtanfang mit, außerdem will ich an einem New York-Zyklus weiterschreiben, zwei von geplanten fünf bis sechs Gedichten sind schon geschrieben. An den schlechten Tagen kann ich mich mit der Kapitel-Aufteilung des Bandes und ihrer Reihenfolge der Gedichte beschäftigen. Wenn ich mit zwei bis drei neuen guten Gedichten, einem guten Titel und einem Struktur-Gerüst zurückkomme, bin ich sehr zufrieden. Ich werde an dieser Stelle davon berichten.

Bis dahin wünsche ich Ihnen einen ertragreichen Leseherbst.

Hellmuth Opitz