Hellmuth Opitz
Hellmuth Opitz - Neues von der Schreibtischkante

Aus dem „Püll-Eimer“ gefischt

Ende April postete der von mir sehr geschätzte Poet, Romancier und Opernschreiber Helmut Krausser folgenden provokanten Stoßseufzer auf Facebook: „Heute viel in aktuellen Gedichtbänden geblättert. Überall Püll. Die deutsche Sprache braucht dringend, meine ich, einen Begriff wie PÜLL. Definiert als: ‚Weitgehend sinnfreie Aneinanderreihung von Wörtern zum Zweck der Erzeugung einer Illusion von poetischer Kunst selbst dort, wo kaum bis gar kein Talent vorhanden ist.‘ Pseudopoetischer Müll – PÜLL. Betrifft einen daueronanierenden Betrieb, der sich lauthals feiert, obwohl von ihm rein gar nichts bleiben wird. Und zur Hölle mit den Verlegern, die fett davon leben, kümmerlichen Dreck zu drucken, auf daß nichtssagende Nulpen sich für die kurze Zeit ihres Daseins einbilden dürfen, Künstler zu sein.“ Dieses Statement zog einen ellenlangen Thread nach sich, in dem sich viele vermeintlich getroffene Poeten und Poetinnen über die wenig differenzierte Allgemeinkritik beschwerten und nach konkreten Namen und Beispielen verlangten.
Michael Kluger erbarmte sich schließlich und zitierte ein paar Zeilen aus dem Gedicht eines unbekannten Verfassers. Diese Verse und den ehrenwerten Rettungsversuch einer Interpretation von Bertram Reinecke, der das Urteil entgegen seiner Absicht leider nur allzusehr bestätigt, lasse ich im Original Facebook-Thread hier mal so stehen …


Michael Kluger Die Wanderdünen waren abgemacht, ich hatte bis zum Himmel freigebaut die Rehe, Tonsuren trugen sie mir zu, zum Streicheln, „das nannte man den Schafstall“, ich drehte etwas Sand auf …
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Antworten (3) | 24. April um 01:48

Michael Kluger „Weitgehend sinnfreie Aneinanderreihung von Wörtern zum Zweck der Erzeugung einer Illusion von poetischer Kunst. Pseudopoetischer Müll - PÜLL“ – Trifft vollendet zu auf diese Wortkette. Wir könnten aleatorisch Zeilen beliebiger Dichter aneinanderfügen, der Eindruck änderte sich nicht.
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Antworten (1) | 24. April um 01:53

Michael Kluger Ich fand mich im Nektarium wieder, die Kühe sahen mir ihre Ställe ins Gesicht und das Weltall gehörte in die Flora.
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Antworten (1) | 24. April um 02:18

Bertram Reinecke Ich verweigere mich ja ihrem Püll Kriterium, aber ich sehe doch deutliche Unterschiede zwischen Ihren zwei Beispielen. Ich würde ohne die Gedichte zu kennen, sagen, „abgemacht“ und „freigebaut“ reden davon, wie die Sphäre des Sprechers eingreift in die Naturbildlichkeit, da könnte sich eine Isotopie ergeben. Auch um eine Verrückung des pragmatischen Kontextes könnte angezielt sein mit „Tonsuren“ zum „steicheln“ Ihre Kühe die die Ställe ins Gesicht sehen, wirken mehr über das Paradoxon, (dass dann in der nächsten Aussage gleich wieder strapaziert wird) außerdem lassen sich aus den Kühen als Agenten nur schwerer weitere Funken schlagen. Weiterer Unterschied: Das obere Zitat nutzt die Suggestionskraft fünfhebiger Jamben. Was man für Püll halten mag, unbenommen, aber so unterschiedslos, wie sie sagen verhält es sich offenbar nicht.
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Antworten (0) | 24. April um 09:17

Rike Queißner Zu Hülf! ;-)



Mein Fazit: Verse wie die oben zitierten sind Symptome einer Lyrik, die vor allem durch eines bestechen will: Anspielungsreichtum. Es scheint manchmal geradezu eine sportliche Disziplin zu sein, Bezüge aus möglichst vielen heterogenen semantischen Feldern in ein Gedicht zu packen. Bilder und Metaphern werden nur kurz angerissen und dann fallen gelassen, als habe der Poet/die Poetin daran schon wieder das Interesse verloren. Stringenz? Oh no! Dann doch lieber fraktale Texte, bei denen kein Satz, kein Vers die Verantwortung für den folgenden übernimmt – mithin ein Wort- und Satzmikado, deren Durcheinander allenfalls Beliebigkeit transportiert. Es ist, als fuchtelten solche PoetInnen mit dem Blindenstock in der Sprache herum, dabei fällt mal durch Zufall ein interessantes Bild ab, aber es wird nicht weiter verfolgt, sondern weiter blindlings herumgestakst. Ist es mangelndes Vertrauen in die eigenen Metaphern? Oder sind die diversen semantischen Felder für solche LyrikerInnen eher wie Streichhölzer, die man kurz mal anreißt und dann gleich wieder auswedelt? Ich mag Metaphern mit „Slow-Burner-Effekt“, das heißt, tragfähige Bilder, auf die man im Laufe eines Gedichts auch durchaus zwei-, dreimal zurückkommen kann. Aber da heißt es von den Semantik-Jonglierern natürlich sofort „Vorsicht, Allegorie!“ – und das ist ihrer Meinung nach als Stilmittel mindestens so out wie eine Genitivmetapher. Im Grunde dienen die oben genannten fraktalen Anspielungen nur der Illustration der eigenen Coolness. Man kennt alles, hat alle Wortfelder schon abgegrast. Jedes Fundstück wird wie ein Button an den eigenen lyrischen Jargon geheftet. Und je fraktaler die Lyrik, desto hilfloser die Lyrikkritik: Da man über Stringenz und Bedeutung der Gedichte nicht mehr sprechen kann, operiert man mit Begriffen wie „Präzision“ oder „Sprachbewegung“ und natürlich mit meinen Lieblingsadjektiva kritischer Hilflosigkeit: „irritierend“ und „verstörend“.

Da wünsche ich lieber allen einen fabelhaften Lesesommer!
Hellmuth Opitz