Hellmuth Opitz
Hellmuth Opitz - Neues von der Schreibtischkante

Inspirationen, die sich lohnen

Oft wird man gefragt, welche Stimulanz dazu führt, ein Gedicht zu schreiben, was also der auslösende Impuls ist. Bei mir ist da zunächst ein unbestimmter Druck, dass da etwas in der Pipeline ist, was vielleicht ein Gedicht werden könnte. Manchmal ist das aber so unbestimmt, dass sich auch nicht der Hauch eines Ausdrucks einstellt, sodass es beim puren Druck bleibt. Ein Zustand, der – bei längerem Anhalten – durchaus aggressiv macht und dazu führt, dass man unwirsch auf jede Unterbrechung oder Ablenkung reagiert. Vielversprechender ist es, wenn da schon ein Titel im Kopf herumgeistert, ein Vers oder ein Bild. Aber auch dann ist es für mich noch nicht Zeit, sich vor das weiße Blatt Papier bzw. den leeren Bildschirm zu setzen. Ich brauche mehr poetischen Stoff. Oft hilft in solchen Fällen ein Spaziergang, es ist, als ob man die Ideen mit jedem Schritt etwas lockerer treten könnte. Nachts kann es durchaus vorkommen, dass ich wie ein Zirkuspony einige Runden in der Manege des Arbeitszimmers umhertrabe, auch eine Tasse starker heißer Kaffee kann dann eine erstaunlich gute Stimulanz sein. Am wirksamsten aber ist es in solchen Fällen, Gedichte von Kollegen und Kolleginnen zu lesen. Ich weiß, dass es bei vielen Poeten heutzutage fast ein Tabu ist, zuzugeben, dass man sich Inspirationen auch aus zeitgenössischen Gedichtbänden holen kann. Viele bedienen sich lieber bei den Großen, Hölderlin wird als Inspirationsquelle gern angeführt, Ezra Pound, Pessoa oder T.S. Eliot, gern auch Sylvia Plath. Mit solchen Fixsternen am poetischen Inspirationshimmel begibt man sich nicht in die profanen Niederungen des Zeitgenössischen, im Gegenteil, man erzielt Abstrahleffekte durch den Glanz des Zeitlosen und durch den Anschein einer forcierten Ästhetik. Nein, ich gebe ganz offen zu, dass mich Gegenwartslyrik durchaus stimuliert. Etwa Gedichte von Gerhard Falkner, die mich mit ihrer metaphorischen Illuminationskraft zu sehr vielen eigenen Gedichtbänden inspiriert haben, auch wenn Gerhard Falkner vermutlich eine diametral andere Poetik verfolgt als ich und jede ästhetische Verwandtschaft von sich weisen würde – und das zu Recht. Es gibt Gedichtbände, die ich über alles schätze, etwa Brigitte Oleschinskis „Your passport is not guilty“ oder Ron Winkers „Frenetische Stille“, ich mag viele Gedichte von Ulrich Koch, Frank Schmitter, Thomas Kunst, Silke Scheuermann oder Walle Sayer, um nur einige zu nennen. Und ja, manchmal lese ich deren Bände sehr gern zur Inspiration. Da gibt es Bilder, die eine Reibefläche bilden für eigene poetische Funken. Mir bricht kein Zacken aus der Krone, das zuzugeben. Und ich bitte, das nicht zu verwechseln mit den Einflüssen, die mich überhaupt an die Poesie herangeführt: Dies sind und waren die Expressionisten – Lichtenstein, Blass und natürlich Benn. Dazu natürlich unzählige andere, die hier aufzuführen zu weit gehen würde. Aber was passiert, wenn sich tatsächlich der Funke einer Inspiration entzündet? Auch dann fange ich nicht an, zu schreiben. Ich formuliere den ersten Satz, das erste Bild ewig lange vor mich hin. Da streift sich Überflüssiges ab. Das Gedicht läuft sich erst rund im Mund. Ich schreibe es dann hin, wenn ich die ersten sechs bis acht Verse habe und vielleicht auch schon das Ende. So erspare ich mir den horror vacui des weißen Blattes. Eines steht für mich fest: Man muss sich dem entstehenden Gedicht nähern wie ein Dieb, es darf gar nicht merken, mit welchem Werkzeug man die verschlossenen Türen auf dem Weg zu ihm hin öffnet. Behutsamkeit ist dabei ebenso gefragt wie Kaltblütigkeit.

Ich wünsche Ihnen eine lektüreintensive Zeit.

Hellmuth Opitz