Hellmuth Opitz
Hellmuth Opitz - Neues von der Schreibtischkante

Dichtung & Design oder:
Wie man Starallyriker wird

Schaut man sich die Literaturinstitute in Leipzig und Hildesheim von außen an, so scheinen sie ja – sowohl, was Lehrinhalte als auch Lehrpersonal angeht – über genügend Kompetenz zu verfügen, um Jahr für Jahr aufs Neue einen Absolventenjahrgang in den Literaturbetrieb zu entlassen. Inwieweit man die Einflussnahme der Institute auf den Schreibstil der einzelnen AutorInnen wiedererkennen kann, darüber wird lustvoll gestritten. Manche mokieren sich über die kreative Käfighaltung, die man vielen Debütwerken quasi anlesen könne, andere führen mit Recht herausragende Talente an, die diesen beiden literarischen Lehranstalten schon entsprungen sind. Mal ganz abgesehen von den Schreibstilen, mir geht es um etwas anderes.
Ich glaube, ohne dies im geringsten belegen zu können, dass an den Instituten auch so etwas wie Corporate Design (bezogen auf das Äußere des Autors/der Autorin) und Corporate Behaviour (bezogen auf das Verhalten) gelehrt wird. Natürlich nicht als eigener Kurs, sondern im Rahmen anderer Lehrinhalte. Wie gesagt: Das kann blühender Unsinn sein. Ich habe keine Beweise, nur Indizien: Vor mehr als 10 Jahren war ich Jury-Mitglied eines schulischen Literatur-Wettbewerbs in meiner Heimatstadt Bielefeld, Titel: „Jugend schreibt.“ Jedes Jahr werden im Rahmen dieses Wettbewerbs die besten literarischen Texte von SchülerInnen mit Preisen belohnt. In jenem Jahr gewann mit weitem Vorsprung der Text einer Schülerin, dem wir eine erstaunliche Reife attestierten und dahinter ein echtes Talent vermuteten. Wir lagen nicht so falsch. Die Schülerin hatte sich für die Zeit nach dem Abitur schon für einen Lehrgang/ein Studium am Literaturinstitut Hildesheim beworben und von dort bereits eine Zusage bekommen.
Anlässlich der Preisverleihung präsentierte sie sich als selbstbewusste und zugleich unkomplizierte, sympathische Person. Gut ein Jahr später war sie im Rahmen der Literaturwochen der Stadtbibliothek gemeinsam mit anderen Autoren bei einer Lesung zu hören. Sie war wie verwandelt, trug ein merkwürdiges Kapotthütchen auf dem Kopf, dazu Klamotten, die permanent „Hallo, ich bin Künstlerin!“ zu rufen schienen. Auch ihr literarischer Stil war plötzlich merkwürdig verquast, als haben man der literarischen Rührmasse zu viel hermetischen Quark und künstliche Verrätselung untergehoben. Dazu gab sie sich sehr prätentiös, wollte einen bestimmten Tee, das Mikrophon passte ihr nicht, kurz: Es wurde komplex. War das noch umfassende Stilberatung oder schon Brainwash aus dem Hause Hildesheim, so nach dem Motto: Willst du Starallyriker sein, musst du dir auch ein paar Allüren als wettbewerbsunterscheidendes Merkmal zulegen?
Aber was weiß ich, es kann auch sein, dass sie einfach eine normale literarische Entwicklung genommen hat und nur ich stehengeblieben bin. Bei mir hat sich jedenfalls diese Erfahrung eingebrannt, ja zu einer fixen Idee entwickelt. Mittlerweile glaube ich sogar, dass es dort Lehrgänge zur Selbstvermarktung gibt bzw. Anleitungen, wie man sich selbst zur Marke macht. Dazu gehört auch das Design der Vornamen. Ohne jemanden zu nahe treten zu wollen: Mirka, Sirka, Alke, Senka und Anrei sind schöne Vornamen, sie kommen mir aber fast zu sehr auf Unverwechselbarkeit hin gedrechselt vor. Bei den männlichen Absolventen dominieren die Kürzel, dort heißt man Bo oder Bov, Cord oder Baz, das schafft Dynamik und fönt jeden gewöhnlichen Nachnamen schick ins Originelle. Aber was soll die Aufregung, Künstlernamen sind so alt wie die Kunst selbst. Wie schon wiederholt gesagt: Die Vermutungen, dass solche Dichtung & Design-Inhalte an den literarischen Instituten der Nation vermittelt werden, sind nur Spekulationen meinerseits, aber vielleicht kann mir ja jemand mal verraten, ob da was dran ist oder nicht.

Ein blühendes Lesefrühjahr wünscht
Hellmuth Opitz