
Neues von der Schreibtischkante
Vom Risiko des Verstandenwerdens
Kürzlich schrieb Jan Kuhlbrodt im Portal fixpoetry.com eine Rezension zu meinem Gedichtband „Die Dunkelheit knistert wie Kandis“. Dort heißt es: „Opitz bewegt sich sicher und gekonnt durch Rhythmen und Metaphorik. Nur habe ich das Gefühl, dass eben jene Rhythmen und der Bilderreichtum den Autor beherrschen. ‚Glück ist die Sekunde davor /wie du das sagst/ mit der gemeißelten Klarheit/ dieses Satzes/ kann der Nachmittag natürlich/ nicht mithalten/‘ ...? heißt es auf Seite 48. Und genau hier liegt vielleicht das Problem, das ich mit Opitz' Gedichten habe. Sie verweigern mir genau dieses Glück. Ich werde mit Bildern geradezu beworfen, hätte aber manches Mal gern den Moment des Glückes erlebt, in denen ein solches Bild entsteht.“Zunächst einmal heißt es, eine solche Kritik einsinken zu lassen und nicht sofort vom Tisch zu wischen. Was ist da dran? Wo könnte Kuhlbrodt Recht haben? Verweigere ich dem Leser tatsächlich die Chance zu eigenen Assoziationen, weil ich ihm schlüsselfertige Bilder anbiete? Entmündige ich ihn am Ende gar? Für welchen Leser schreibe ich überhaupt? In einem Punkt hat Jan Kuhlbrodt Recht: Ich schreibe nicht für die „bildungsbürgerliche Elite,“ wie er es an anderer Stelle formuliert. Ich habe meine erste Anerkennung nicht im Hochfeuilleton erfahren, sondern von Lesern meiner Bücher bzw. Hörern meiner Lesungen. Veröffentlichungen in Anthologien und die Lesetour mit Matthias Politycki und Steffen Jacobs trugen ebenfalls dazu bei, einen gewissen, wenn auch sehr bescheidenen Status zu etablieren. Mein Ansatz bei diesen Unternehmungen war immer, Menschen (wieder) für Gedichte zu gewinnen, die ihnen bislang fern standen. Auch auf die Gefahr hin, dann Gedichte zu verfassen, die vielleicht auf Anhieb verständlich erscheinen.
Durch Reaktionen meiner Leser und Hörer habe ich erfahren, dass ich ihnen keineswegs Glück verweigere, im Gegenteil: Sie finden dadurch oft erst zu den Möglichkeiten des Gedichts. „Ich hätte nicht gedacht, dass Gedichte auch so frisch, offen und zugänglich sein können,“ ist eine dieser oft gehörten Reaktionen. Ich glaube durchaus, dass es ein solches Glück gibt, dass Kuhlbrodt da beschreibt: Das Glück, aus den Anregungen eines Gedichtes einen poetischen Gedanken weiterzuspinnen, der Denk- oder Assoziationsprozesse auslöst und im Idealfall das Innere verwandelt. Genau so gibt es aber auch das Glück, etwas Gelungenes in einem Gedicht zu entdecken – das Entdeckerglück also – und dieses Gelingen durch das eigene Verständnis zu vollenden. Dass meine Gedichte zwar „solide“ sind, wie Kuhlbrodt schreibt, aber kein „Wagnis eingehen,“ dem würde ich allerdings energisch widersprechen. Ich habe zahllose Dichter bei Lesungen erlebt, die ihren Lesern hochintellektuelle, aber komplett unverständliche Gedichte im Maschinengewehrtempo um die Ohren ballern. Genau diese Dichter gehen kein Risiko ein. Das Risiko des Verstandenwerdens nämlich. Das Wagnis, dass die Bilder und die Sprache eines Gedichts einer inneren, vielleicht sogar nachvollziehbaren Logik folgen und nicht einer Willkür, die sich auf junge Wilde und Avantgarde föhnt. Aber das ist das Gute an einer solchen Kritik wie der von Jan Kuhlbrodt: Man kommt mal wieder dazu, intensiv über die eigene Poetik nachzudenken.
Allen ein anregendes und lektürereiches 2012!
Hellmuth Opitz