Hellmuth Opitz
Hellmuth Opitz - Presse - Interview

„Ich ochse um jede Zeile“

Ein Interview von Gerwig Epkes, SWR 2

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„Gedichte muss man sehen können“

Ein Interview von Michael Helm

Hellmuth Opitz lebt seit vielen Jahren in Bielefeld, studierte in Münster Germanistik und Philosophie und arbeitet als Werbetexter. Einem größeren Publikum wurde er bekannt mit seinen Gedichten, die er seit einigen Jahren im Pendragonverlag und zuletzt bei Hoffmann & Campe veröffentlicht hat. Das Interview führte Michael Helm für das Literaturradio Literadium.

Helm Was reizt dich am Schreiben?
Opitz Oh! Das Kribbeln beim Fertigstellen.
Helm Lyrik zu schreiben ist fast etwas aus der Mode geraten. Du selbst hast dich einmal als Nischendarsteller bezeichnet. Was reizt dich gerade an Gedichten?
Opitz In Gedichten hat man einerseits die größte Freiheit, andererseits ist da die größte Disziplin erforderlich, weil alles auf einen Block kompakt verdichtet werden muss. Da darf kein großer Raum für weit ausschweifende Erzählhaltung sein. Es ist die Form wo Bild, Sprache, Bedeutung, die engste Verbindung eingehen. Diese Freiheit und Disziplin in einem ist das, was mich eigentlich an Lyrik reizt.
Helm Gut, ich frage trotzdem noch einmal. Warum nicht das große Prosastück, wie wahrscheinlich viele Verlage momentan eher verlangen würden?
Opitz Vielleicht liegt es daran, dass ich mich im Augenblick noch zu sehr selbst kontrolliere, dass ich meine Bilder nicht so ökonomisch streue, wie es für Prosa vielleicht dienlich wäre. Außerdem fehlt mir der lange Atem. Ich habe wenig Zeit zum Schreiben. Ich schreibe vorwiegend nachts und da sind natürlich die langen Formen, ein Dreihundertseitenroman, schwierig. Dafür müsste man sich wirklich mal ein halbes Jahr ausklinken können.
Helm Und die Zeit ist momentan einfach nicht da?
Opitz Nein.
Helm Auf deiner letzten CD sind neben deinen Gedichten Musikstücke von Eric Satie und Ulrike Gerold zu hören. Gibt es einen besonderen Bezug zwischen deiner Lyrik und dieser Musik, oder Musik im ganz Allgemeinen?
Opitz Musik im ganz Allgemeinen ja. Ursprünglich habe ich nach meinem Studium als Musikjournalist begonnen und in Stadtmagazinen gearbeitet, dann mehr in der Rock- und Popmusik Interviews geführt und Platten besprochen…
Helm Aber jetzt Eric Satie und Ulrike Gerold, also Klavier und klassischer Gesang. Das ist schon etwas ganz anderes.
Opitz Das ist ursprünglich auch nicht so sehr meine Musik gewesen. Es war erst einmal ein Annäherungsprozess. Ulrike Gerold hat sich irgendwann, während einer gemeinsamen Veranstaltung, meine Gedichte angehört, und hat gesagt, diese Texte kann man gut singen. Dann hat sie mich sonntags angerufen und mir die Sachen über Telefon vorgesungen. Sie hat sich die Lyrik einfach genommen. Es war keine Kooperation im klassischen Sinne, dass ich Texte zu Kompositionen geschrieben habe, sondern sie hat Lieder zu den Texten komponiert.
Helm Trotzdem passt es vortrefflich auf der CD zusammen.
Opitz Sie hat sich die Gedichte auf eine ganz faszinierende Weise angeeignet, obwohl ich mit der Musik erst gefremdelt habe. Erstaunt bin ich, wie dann eine andere Betonung, die andere Phrasierung, die den Gedichten neue Bildfacetten abgewinnt, entstanden ist. Das ist schon erstaunlich zu beobachten.
Helm Das aktuelle Buch von dir sowie die CD heißen „Gebrauchte Gedichte“. Was verbirgt sich für dich hinter diesem Titel?
Opitz Der Band vereint gut zwanzig Jahre in denen ich Gedichte schreibe. In der Anfangsphase waren das Gedichte, die ich selbst gebraucht habe, im wahrsten Sinne des Wortes, um mich überhaupt freischwimmen, freischreiben zu können. Und dadurch, dass natürlich manche schon in Bänden erschienen waren, die mittlerweile vergriffen sind, sind es halt Gedichte, die schon einmal da waren, also im Sinne eines Secondhand Marktes gebraucht sind. Auf diese Doppelbedeutung kam es mir an.
Helm Auf mich wirkt deine Lyrik sehr bildreich, Alltagssituationen werden von dir in Sprache gefasst, Stimmungen sehr bildhaft beschrieben, woher kommen diese Bilder? Wie entstehen deine Gedichte bis sie letztlich in einem Buch landen?
Opitz Es ist nie so, dass ich mir sage, ich schreibe ein Gedicht über etwas und habe ein Thema, sondern ein Gedicht entsteht immer am konkreten Bild. Ich greife zum Beispiel gerne Redewendungen auf und verforme sie so, dass sie - ja - plötzlich stocken im Mund. Manchmal ist es ein Buchstabe, der sich verschiebt. Es gibt ein Gedicht, da heißt es: „Das Jahr ging schweren Märzens in den Frühling.“ Da ist einfach nur ein Buchstabe ausgetauscht und an diesem einen Satz habe ich dann letztendlich das ganze Gedicht aufgehängt. Gedichte muss man sehen können. Als wenn sie in einen Teich geschmissen werden und die Kreise ziehen immer größer und irgendwann ist dann ein Gedicht fertig.
Helm Auch wieder ein Bild. Du spielst gerne mit Sprache.
Opitz Ich kann es nicht lassen. Ich spiele gerne damit, weil ich glaube, dass Sprache nicht berechenbar ist, dass sich plötzlich Tiefen und Untiefen auftun. Wenn man um die Ecke biegt hat man wieder eine neue Überraschung. Von daher weiß ich auch gar nicht am Anfang eines Gedichtes, wo ich am Ende landen werde. Ich habe zwei, drei Eckpunkte, aber man weiß nicht, wo es einen hinträgt.
Helm Trotz des Spielerischen, ist das Gedichte schreiben für dich eher etwas spontanes oder etwas langwieriges in deiner Arbeit?
Opitz Das ist eher langwierig. Diese Zeit, da man in der Anfangsphase drauflos schreibt und eine gewisse Unbefangenheit hat, die lässt sich ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr beliebig einfangen. Es gibt noch Gedichte, die innerhalb von zwei, drei Stunden entstehen, aber um es einmal hart zu sagen, ich ochse um jede Zeile. Es ist harte Arbeit und ich schreibe meine Gedichte erst relativ spät hin. Das heißt, ich habe acht bis zehn Zeilen eines Gedichtes im Kopf stehen und formuliere diese Zeilen immer vor mich hin. Sie werden sozusagen im Mund erst einmal rund geformt, wie ein Kieselstein und ich schreibe sie dann erst in einem relativ späten Stadium hin. Dann haben sie schon eine gewisse Melodie.
Helm Hast du bestimmte Themen, mit denen du dich besonders beschäftigst, Alltagssituationen oder andere Dinge?
Opitz Alltagssituationen spielen sicherlich eine Rolle. So wie es in der Pop- und Rockmusik viele Lovesongs gibt, gibt es bei mir auch viele Liebesgedichte. Was auch noch eine Rolle spielt, ist Natur im weitesten Sinne und da personalisiere ich sehr gern. Die Monate haben für mich eine bestimmte Bedeutung. Politik taucht nur unterschwellig auf, zwischen Zeilen versteckt, aber …
Helm Mehr auf der gesellschaftlichen Ebene?
Opitz Ja, es gibt ein konkretes Beispiel zum Herbst 2001, da taucht es aber nur in zwei Zeilen angedeutet auf. Mir geht es eigentlich mehr um diesen Monat, in dem das passiert ist, also den September.
Helm Du hast gesagt, du schreibst nachts, weil dir einfach die Zeit fehlt. Wie ist das, einen ganzen Tag zu arbeiten, nachts Gedichte zu schreiben und gleichzeitig zu sagen, es ist sehr viel Arbeit ein Gedicht auf das Papier zu bringen?
Opitz Es gibt natürlich zahllose Abende, wo man grandios scheitert und derinnere Schweinehund ist ja unglaublich, jedenfalls nachts um Zehn halb Elf.
Helm Gehört das Scheitern dazu?
Opitz Würde ich gerne ausschließen wollen, aber es gehört dazu und es gibt nichts frustrierenderes als Abende, wo man schreibt und man sieht während des Schreibens, das wird nichts, das endet katastrophal. Dann muss man es auch lassen. Nachts ist man korrupt, da hält man manchmal kleine Ideen für ganz große, aber es gibt einen bestimmten Punkt, wenn man den hinter sich lässt, dann ist natürlich die Nacht gegessen. Wenn dann die Müdigkeit in eine Überwachheit umschlägt, in so ein überwaches Bewusstsein letztendlich, dann können dabei ganz große Sachen entstehen. Bei mir muss das Gedicht immer den Test durchlaufen, dass ich am nächsten Morgen noch darauf schaue und nicht sage: also da hast dich wieder bestechen lassen von deiner eigenen Müdigkeit. Es muss schon halten am nächsten Morgen.
Helm Du hast eingangs erwähnt, du würdest schon zwanzig Jahre lang schreiben. Gab es einen bestimmten Anlass mit dem Schreiben von Lyrik anzufangen?
Opitz Für mich waren es Gedichte, die ich während des Studiums kennen gelernt habe. Natürlich Gottfried Benn und Paul Celan. Celan hat ganz eigene Bildwelten, sehr verschlossen, aber er hat eben sehr kühne Dinge mit Sprache angestellt. Von den moderneren war es Gerhard Falkner, der auch eine forcierte Bildwelt betreibt, die mich fasziniert.
Helm Sind das auch heute noch literarische Vorlieben, die man vielleicht sogar als "Vorbilder" bezeichnen könnte?
Opitz Ja, vielleicht von Benn dieser schnodderige Parlandoton, von Falkner die Bildwelt und von Celan? Das war mehr in der Anfangsphase. Da habe ich mich ein bisschen von entfernt. Aber es sind Eckpunkte, an denen ich mich nach wie vor orientiere.
Helm Könntest du selbst beschreiben, was sich im Laufe der Zeit in deiner Art zu schreiben, vielleicht auch in deiner Lyrik selbst verändert hat in den zwanzig Jahren?
Opitz Zu Anfang glaubt man ja, man mischt die Szene auf, was natürlich Schwachsinn ist.
Helm Man verändert die Welt.
Opitz Aber dieser Überschwang muss ja sein, der muss einen ja tragen. Dann kommt irgendwann natürlich die Phase, wenn man die ersten Lesungen gemacht hat, wo sich ein, zwei Leutchen einfinden und man frustrierende Erlebnisse hat, weil keiner zuhört oder die Leute sich abwenden. Da geben ganz viele wieder auf, die mit Überschwang angefangen haben. Durch diese Phase muss man sich durchbeißen. Es gibt natürlich Monate, halbe Jahre, wo man glaubt, man kann eigentlich nicht vernünftig schreiben und es wird immer auf einer bestimmten halbseidenen Ebene stehen bleiben. Ich weiß nicht, was es dann war, was letztendlich dazu geführt hat, dass meine Gedichte auf breiterer Ebene wahrgenommen wurden, als normalerweise üblich. Dass man denkt, man kommt über den Kreis, über die Region jetzt allmählich hinaus.
Helm Hast du diesen Punkt gespürt? Bekommt man das mit?
Opitz Man bekommt es mit, wenn man angerufen wird und dir sagt jemand, es ist ein Gedicht von dir in der „Welt“ besprochen. Was? Dann ist man völlig von den Socken. Irgendein Autor, der ein Gedicht in der Anthologie entdeckt hatte, im Jahrbuch der Lyrik zum Beispiel, hat ein Gedicht von mir aufgegriffen und das in einer Lyrikreihe über eine halbe Seite in der Welt besprochen. Dann denkt man schon, es wird außen wenigstens wahrgenommen und es gibt nicht nur einen Publikumszuspruch, sondern auch einen im Feuilleton. Das ermuntert einen natürlich.
Helm Für die Sendung hast du den Großteil der Musiktitel ausgesucht und, du hast es bereits angedeutet, angefangen hat bei dir alles mit der Musik. Kannst du kurz darstellen wie das war?
Opitz Ursprünglich wollte ich ja Pop-Star werden! (lacht) Dieser Wunsch begann schlagartig - ich kann mich noch genau erinnern - 1972. Ich sah eine Disco-Sendung, damals noch mit Ilja Richter. Es gab einen Teil, „Top of the Pops“, das war immer ein Ausschnitt aus der englischen Hitparade. ´72 war ja die Heavy Metal Ära, alle hatten lange Haare, spielten Hard Rock und Heavy Metal und damals kam auch Uriah Heep, wenn ich mich noch dunkel erinnere. Mich beeindruckte weniger der Song - der war auch nicht schlecht, „Easy Livin“ - aber die Typen, die ganz lange Haare hatten und dabei furchtbar lässig wirkten, wie die das locker runterzupften, das Stück. Das hat mich schwer beeindruckt und ich dachte: Das willst du auch machen. War eine der wenigen Prägungen. In dem Augenblick habe ich beschlossen Musik zu machen, also englische Songs getextet und mir da schon die ganzen Peinlichkeiten runter geschrieben. Während des Studiums löste sich die Band auf und es kam die deutsche Literatur dazu. Ich habe dann nicht mehr selber Musik gemacht, sondern über Musik geschrieben und hatte das Glück für Magazine wie den „Musikexpress“ und „Rolling Stone“ eine Zeit lang schreiben zu können.
Helm Wie lange hast du dann musikredaktionell gearbeitet?
Opitz Von Mitte der 80er bis Ende 2001 in etwa.
Helm Immerhin hattest du Gruppen wie Aerosmith und Offspring vor dem Mikro.
Opitz Ja. Aerosmith durfte ich in New York interviewen, Offspring in Los Angeles. Wenn man für diese Magazine arbeitet, wird man auch mal irgendwohin geschickt. Das ist natürlich der Vorteil. Bad Religion in Innsbruck und Red Hot Chili Peppers in Köln.
Helm Kann man sagen, dass die Arbeit an deiner Lyrik auch auf das Songschreiben, das Schreiben kürzerer Texte, vor allem die kurze Form zurückgeht?
Opitz Die kurze Form hat wesentliche Inspirationen aus der Musik, aber auch die Tatsache, dass man nicht für die Schublade schreibt, sondern dass man irgendwann gewillt ist, damit aufzutreten. Ich habe nie für die Schublade geschrieben. Es war immer darauf angelegt eine Wirkung zu erzielen. Von etwas, von dem ich überzeugt bin, möchte ich auch, dass es andere hören.
Helm Musikredaktionell arbeitest du heute nicht mehr, warum hast du diese Tätigkeit aufgegeben?
Opitz Ich wurde zu sehr auf eine Schiene festgelegt, die ich eigentlich privat gar nicht mehr so höre, also die härtere Schiene, Offspring, Bad Religion und so weiter, obwohl mir eigentlich mittlerweile die Songwriter und teilweise auch die Alternative-Country-Szene mehr zusagt.
Helm Deinen Lebensunterhalt verdienst du nicht allein mit der Literatur, sondern vielmehr als Werbetexter, das hast du am Anfang erwähnt. Wie passen diese beiden Arbeitsfelder zusammen, wenn sie überhaupt zusammenpassen?
Opitz Einerseits passt es gar nicht so schlecht, weil in der Werbung auch eine bildhafte, plakative Sprache bevorzugt wird. Ich hatte allerdings Angst, dass sich das sehr vermischen könnte. Nur, Werbung zu machen und Lyrik zu schreiben geht von zwei grundsätzlich verschiedenen Interessen aus: Werbung hat immer das Ziel etwas zu verkaufen. Lyrik sollte erst einmal nicht das Ziel haben sich selber zu verkaufen, sondern Lyrik muss aus sich selbst so eine Faszination gewinnen, dass ein anderer gewillt ist sie zu lesen.Ich habe nicht diesen Impetus Leute zu etwas zu bringen, sondern ein Gedicht bleibt viel früher stehen, geht nicht so aufdringlich auf den Leser zu, sondern von dem Leser muss natürlich genauso ein Schritt kommen.
Helm Trotzdem ist die Beziehung Leser-Autor, auch wenn die Entfernung größer ist, eine ganz wichtige, oder nicht?
Opitz Die Beziehung Leser-Autor ist eine ganz wichtige und deswegen sind mir auch Live-Lesungen wichtig, wo man einerseits die Zuhörer relativ nah hat und andererseits auch mitgeteilt bekommt, welche Erfahrungen Leser mit der Lyrik, die man schreibt, gemacht haben.
Helm Wäre es für dich eine Perspektive hauptberuflich als Schriftsteller, als Lyriker zu arbeiten und damit dein Geld zu verdienen?
Opitz Ich hoffe, dass ich das in ein paar Jahren machen kann. Dazu müsste ich mich dann allerdings irgendwann wirklich zur Prosa hinreißen lassen, weil von Lyrik kann eigentlich kaum jemand leben. Also selbst so jemand wie Sara Kirsch ist darauf angewiesen Preise und Stipendien zu haben oder Bücher durch den Verlag vorfinanziert zu bekommen, denn selbst von ihren Bänden verkaufen sich vielleicht fünftausend wenn es hoch kommt, und für einen Lebensunterhalt reicht das natürlich nicht.
Helm Du machst jetzt schon bundesweit Lesungen, veröffentlichst bei Pendragon hier in Bielefeld, wirst in überregionalen Zeitungen - du hast gerade „Die Welt“ erwähnt - gedruckt und besprochen. Wie würdest du das Literaturgeschäft für dich beschreiben: Harte Arbeit oder mehr Freude über die Aufmerksamkeit, die man dir und deiner Arbeit entgegenbringt?
Opitz Es ist in soweit interessant, dass man merkt, wenn man aus einem gewissen Kreis heraustritt in den nächsten, dass da Leute sind, die sich für einen begeistern, aber auch gleichzeitig wieder Leute, die einem etwas neiden oder plötzlich eine neue Konkurrenz wittern. Das Literaturgeschäft selber ist natürlich aus der Warte eines Lyrikers betrachtet ein sehr hartes, kommerzielles. Wenn man so die großen Verlagshäuser anguckt, dann spielt die Verkaufszahl eine immer größere Rolle. Ein Backlist-Programm wird immer weniger geführt und man merkt, es bekommt letztendlich schon amerikanische Verhältnisse.
Helm Wie geht man mit dieser Härte, Kälte oder vielleicht auch mit der ein oder anderen harten Kritik dann um?
Opitz Eine harte Kritik, die geht einem erst einmal nach. Wer etwas anderes behauptet hat sich inzwischen ein dickes Fell zugelegt oder ist ignorant. Literatur ist ja etwas, wo man auch seine verwundbarste Stelle zeigt, also da wo man etwas aufdeckt, was mit eigenen Emotionen zu tun hat. Wenn da natürlich der Pfeil einer Kritik rein schießt, dann ist man erstmal auch getroffen im wahrsten Sinne des Wortes.
Helm Das ist eine Gratwanderung.
Opitz Das ist eine Gratwanderung. Letztendlich ist es auch wichtig. Eine Kritik nehme ich mir zu Herzen und das kapselt sich so ein. Dann versuche ich natürlich auf eine Kritik zu reagieren, hat der Recht, hat der nicht Recht? Meist ist es so, dass ich letztendlich doch weiter schreibe, wie ich es ursprünglich gemacht habe. Es ist nichts wichtiger als eine eigene Sprache, eine eigene Identität zu besetzen. Es ist etwas Unschätzbares wenn man rausgehört wird. Wenn man jetzt seine Sachen kritikkompatibel schreibt und sich versucht…
Helm Geht das überhaupt?
Opitz Nein. Es ist wie dieses: „Wer nach allen Seiten offen ist, kann nicht ganz dicht sein.“ Und das trifft grade für Lyrik zu. Man muss sich da auch panzern.

© Michael Helm & Hellmuth Opitz 2004
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